{"title":"Politik und Erzählung: Zur (de-)stabilisierenden Funktion politischer Narrationen im performativen Republikanismus","authors":"Grit Strassenberger","doi":"10.5771/9783748907565-56","DOIUrl":"https://doi.org/10.5771/9783748907565-56","url":null,"abstract":"Lucian Hölscher hat unsere Gegenwart als einen Zeit-Raum beschrieben, in dem die Gewissheit über das Wohin ebenso verlorengegangen ist wie das Wissen um das Woher: Danach sind wir gefangen zwischen dem Verlust vergangener Zukünfte und dem drohenden Verlust unserer Gegenwartserfahrung, die mit jenen Zukünften gebrochen hat.1 Mit dem Verlust ihrer Vergangenheit hat die Gegenwart auch die Aussicht auf sinnhafte Zukünfte verloren – und damit den Optimismus, etwas bewirken zu können. Angesichts dieser Krisendiagnose fragt Hölscher, wie sich die Gegenwart als ein gestaltbarer Zeit-Raum alternativer Möglichkeiten wiedergewinnen lässt. Seinem performativen Ansatz historischer Zukunftsforschung zufolge bietet die narrative Rückerinnerung an vergangene Zukünfte – und zwar auch an solche, die nicht realisiert wurden – einen Weg, die Gegenwart für »realistische Utopien« zu öffnen. Innerhalb des von Hölscher zugespitzten Spannungsfeldes zwischen dem Verlust historischer Gewissheiten und der Wiedergewinnung von Handlungsoptionen kommt der politischen Erzählung eine therapeutische Funktion zu. Allerdings handelt es sich bei Erzählungen um eine ambivalente Form der Kontingenzbearbeitung. Denn es kann keineswegs unterstellt werden, dass politische Narrationen per se sinnstiftend und integrativ wirken, also zur Stabilisierung politischer Ordnungen beitragen. Erzählungen können auch Verwirrung stiften, alte Gewissheiten in Frage stellen, »hegemoniale Sinnzwänge« demontieren und »verfestigte Sinnformen« auflösen, ja sie können, wie Alfred Koschorke pointiert, »Desorientierung« bewirken, »Unordnung« stiften und auch »Unsinn« erzeugen: »Wie das Denken und Sprechen überhaupt, so verfügt auch das Erzählen über kein hinreichendes intrinsisches Wahrheitszeichen. Wie in einem Wirbel mischen sich darin Elemente von Wahrheit, Anschein, Hörensagen, Unwissenheit, Irrtum und Lüge. Erzählungen können frei zwischen beiden möglichen Extremen hinund hergleiten, sich auf eine ihnen gemäße Art der Wirklichkeitstreue verpflichten oder aber ihren Realitätsbezug gänzlich kappen, ohne ihrer inneren Beschaffenheit nach von dieser Alternative berührt zu sein.«2 In der performativen Konstruktion dessen, was als Realität gilt, brechen Erzählungen die klassische Theorie-Praxis-Relationierung auf: Das erzählende »Bezeichnen interveniert in die Welt, die es scheinbar nur widerspiegelt, und lässt sie in einem kreativen Aneignungsprozess in gewisser Weise überhaupt erst entstehen«.3","PeriodicalId":217733,"journal":{"name":"Politische Stabilität","volume":"2 3 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0,"publicationDate":"2020-11-23","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":null,"resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":"126042060","PeriodicalName":null,"FirstCategoryId":null,"ListUrlMain":null,"RegionNum":0,"RegionCategory":"","ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":"","EPubDate":null,"PubModel":null,"JCR":null,"JCRName":null,"Score":null,"Total":0}