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Es ist nicht nur die „alte“ Gewalt, die sich im politischen System entwickelte und die darauf abzielte die Gesellschaft zu verändern, sondern auch die „neue“ Gewalt, die zwar immer noch in der Öffentlichkeit, nun aber scheinbar ohne politische Motive ausgeübt wird, die das heutige Gesicht Zentralamerikas prägt. Gewalt ist in der Familie, Gewalt ist in der Schule, Gewalt ist auf der Straße, Gewalt ist auf dem Markt, Gewalt ist vor der Kirche. Kurz: Gewalt ist überall. Werden international vergleichbare Statistiken zu Grunde gelegt, so ist Zentralamerika heute eine der gewaltreichsten Regionen der Welt. Gewaltraten übertreffen hier um ein Vielfaches das europäische Niveau. Jedoch haben auch der Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump und die damit verbundene Rhetorik gegen Zentralamerika, die Aufreihung einiger der in Zentralamerika aktiven Gewaltakteure auf der Terrorliste der USA und schließlich die Stigmatisierung der in Zentralamerika präsenten Jugendbanden als „most dangerous gang in the Americas“ (Wolf 2012), dazu beigetragen, Zentralamerika als eine besonders brutale Weltregion darzustellen. Tatsächliche Gewalt und „moral panics“ gehen Hand in Hand. Die ökonomischen und sozialen Folgen der Gewalt sind nicht nur geringeres Wirtschaftswachstum, erhebliche Einschnitte in der lokalen, regionalen und nationalen Entwicklung, sondern ebenso ein bedeutsamer Grund für die anhaltende Migration Richtung Norden. 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Jedoch haben auch der Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump und die damit verbundene Rhetorik gegen Zentralamerika, die Aufreihung einiger der in Zentralamerika aktiven Gewaltakteure auf der Terrorliste der USA und schließlich die Stigmatisierung der in Zentralamerika präsenten Jugendbanden als „most dangerous gang in the Americas“ (Wolf 2012), dazu beigetragen, Zentralamerika als eine besonders brutale Weltregion darzustellen. Tatsächliche Gewalt und „moral panics“ gehen Hand in Hand. Die ökonomischen und sozialen Folgen der Gewalt sind nicht nur geringeres Wirtschaftswachstum, erhebliche Einschnitte in der lokalen, regionalen und nationalen Entwicklung, sondern ebenso ein bedeutsamer Grund für die anhaltende Migration Richtung Norden. 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Die Selbstreproduktion der Gewalt? Zentralamerika nach den Bürgerkriegen
Mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Bürgerkriege, die in El Salvador im Jahr 1992 und in Guatemala im Jahr 1996 mit der Unterzeichnung von Friedensverträgen ihr Ende fanden, und der damit verbundenen „Lösung“ der Zentralamerikakrise bleibt Gewalt ein Strukturmerkmal zentralamerikanischer Gesellschaften. Es ist Gewalt im Frieden, da die politische Artikulation des Konflikts ausgeschaltet wurde, dessen struktureller Nährboden aber nach wie vor wirkt (Zinecker 2014). Gewalt ist in vielen Teilen Zentralamerikas ein Alltagsphänomen. Sie hat sich in den Gesellschaften eingenistet und durchdringt sie fast allgegenwärtig. Es ist nicht nur die „alte“ Gewalt, die sich im politischen System entwickelte und die darauf abzielte die Gesellschaft zu verändern, sondern auch die „neue“ Gewalt, die zwar immer noch in der Öffentlichkeit, nun aber scheinbar ohne politische Motive ausgeübt wird, die das heutige Gesicht Zentralamerikas prägt. Gewalt ist in der Familie, Gewalt ist in der Schule, Gewalt ist auf der Straße, Gewalt ist auf dem Markt, Gewalt ist vor der Kirche. Kurz: Gewalt ist überall. Werden international vergleichbare Statistiken zu Grunde gelegt, so ist Zentralamerika heute eine der gewaltreichsten Regionen der Welt. Gewaltraten übertreffen hier um ein Vielfaches das europäische Niveau. Jedoch haben auch der Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump und die damit verbundene Rhetorik gegen Zentralamerika, die Aufreihung einiger der in Zentralamerika aktiven Gewaltakteure auf der Terrorliste der USA und schließlich die Stigmatisierung der in Zentralamerika präsenten Jugendbanden als „most dangerous gang in the Americas“ (Wolf 2012), dazu beigetragen, Zentralamerika als eine besonders brutale Weltregion darzustellen. Tatsächliche Gewalt und „moral panics“ gehen Hand in Hand. Die ökonomischen und sozialen Folgen der Gewalt sind nicht nur geringeres Wirtschaftswachstum, erhebliche Einschnitte in der lokalen, regionalen und nationalen Entwicklung, sondern ebenso ein bedeutsamer Grund für die anhaltende Migration Richtung Norden. Auch die politi1.