Heute geborene Kinder werden voraussichtlich Mitte des Jahrhunderts ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Zukunftsforscher gehen davon aus, dass dann das menschliche Gehirn um Künstliche Intelligenz (KI) virtuell oder real erweitert werden kann. Eine solche Entwicklung hätte auch gravierende Folgen für die Chemieforschung. Denn wir müssen uns schon heute die Frage stellen, welche Kenntnisse und Fähigkeiten Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler in 25 Jahren haben sollten.
Der Weg vom Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts hin zum modernen Forscher, der auch KI nutzt und als Nobelpreisträger ausgezeichnet wird, war lang und von vielen Entwicklungen geprägt. Der Universalgelehrte forschte für sich und seinen Fürsten. Heute dient die Wissenschaft dem gesellschaftlichen Fortschritt. Dies zeigt sich besonders bei Ernährung, Gesundheit, Energie, Klimaschutz oder Mobilität. Aber auch bei der Digitalisierung und dem gezielten Einsatz von KI. Stets bedarf es dabei gut ausgebildeter junger Menschen. Und hier setzt der Fonds der Chemischen Industrie (FCI), das Förderwerk des Verbands der Chemischen Industrie, seit 75 Jahren an.
1950, im Gründungsjahr des FCI, waren mehr als 80 Prozent der Chemieinstitute an den deutschen Hochschulen zerstört oder schwer beschädigt. Den Gründern des FCI war klar, dass es gewaltiger Anstrengungen bedurfte, um die Chemieforschung an den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wieder auf ein international vergleichbares Niveau zu heben. Der FCI hat bei seiner Förderung von Anfang an auf Qualität und Exzellenz gesetzt.
Angesichts des internationalen Standortwettbewerbs, der nicht nur unsere Branche, sondern auch die Hochschulen und Forschungseinrichtungen betrifft, ist eine gezielte, qualitativ hochwertige Bildungspolitik gerade in den MINT-Fächern auch heute noch umso wichtiger. Bildung ist in einem ressourcenarmen Land wie Deutschland unser wichtigster Rohstoff. Nur mit klugen Köpfen kann Deutschland Innovationsland bleiben, unser Wohlstand gesichert werden. Doch die Alarmglocken schrillen immer lauter: Besonders im MINT-Bereich fehlen immer mehr Fachkräfte.
Wie können wir gegensteuern? Kinder müssen früh für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik sowie für forschendes Denken begeistert werden. Um diese Begeisterung bis zum Ende der Schulzeit aufrechtzuerhalten und einheitliche naturwissenschaftliche Grundbildung zu gewährleisten, muss naturwissenschaftlich-technisch orientierter Sachunterricht an allen Grundschulen verbindlich eingeführt und anschließend durch mehr MINT-Unterricht, unabhängig von der Schulform, weiterentwickelt werden.
Naturwissenschaften leben vom Experiment. Damit Schülerinnen und Schüler mehr Versuche durchführen können, zum Beispiel den Nachweis von Gasen wie Sauerstoff in der Luft, braucht es MINT-Lehrkräfte, die ausreichend Zeit für die Vor- und Nachbereitung haben.
Neben der Theorie muss der Chemieunterricht Bezüge zum Alltag schaffen, damit Zusammenhänge und Bedeutung der Naturwissenschaften erkannt werden. Dies kann im Unterricht anhand von Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Energie und Kreislaufwirtschaft verdeutlicht werden.
Mitreißender Chemieunterricht? Dazu braucht es top ausgebildete Lehrkräfte, die begeistern. Dies setzt eine verpflichtende fachspezifische, individuelle Fortbildung voraus. Gleichzeitig müssen die Rahmenbedingungen für den Lehrerberuf besser werden. Konkret: weniger Pflichtstunden und Entlastung von Verwaltungsaufgaben.
Aber nicht nur Schulen, auch der Hochschulstandort und das Chemiestudium brauchen einen Attraktivitäts- und Qualitätsbooster. Der Schlüssel hierzu liegt im soliden chemischen Grundlagenwissen, das im Bachelor – und vertieften Kenntnissen, die im Master vermittelt werden müssen. Stark spezialisierte Studiengänge sind zu vermeiden. Zudem sollten außeruniversitäre Forschungseinrichtungen an der Lehre beteiligt und die Gründe für Studienabbrüche evaluiert werden.
Stichwort KI: Der Vernetzung der Chemie-Fachbereiche mit den Datenwissenschaften – auch in der Lehre – wird wachsende Bedeutung zukommen. Für diese Zukunftsfelder wird sich der FCI künftig ebenfalls engagieren. Darüber hinaus sollten verstärkt hoch qualifizierte Studierende und Forschende aus dem Ausland angeworben werden. Sie sind eine Bereicherung für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft, stärken die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit und wirken dem Fachkräftemangel entgegen. Denn die Gesellschaft kann ihre Zukunft nur gestalten, wenn sie in die Bildung ihrer Menschen investiert.
Ulrike Zimmer ist Bereichsleiterin Wissenschaft, Technik und Umwelt im Verband der Chemischen Industrie (VCI).