{"title":"[补充和经典的自然医学是有利于健康生活还是只用于治疗疾病?对循证医学的具体需求]。","authors":"Klaus Michael Meyer-Abich","doi":"10.1159/000083375","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Die herrschende Medizin verdankt ihr Ansehen der Annahme, dass das arztliche Handeln naturwissenschaftlich begrundet sei. Das hiesse: Was der Arzt tut, ist – trotz gelegentlicher Unsicherheiten und Irrtumer – wissenschaftlich richtig und alles Entgegengesetzte ware wissenschaftlich falsch. Genauere Beobachter hat es deshalb etwa seit den 1960er Jahren zunehmend gewundert, dass beispielsweise bestimmte Operationen oder anderweitige Therapien in verschiedenen Regionen oder Landern, deren Bevolkerung sich gesundheitlich, wirtschaftlich und in ihren Lebensweisen nicht sonderlich unterscheidet, zweioder dreimal so oft stattfinden wie in andern. Dieselben Unterschiede ergeben sich, wenn Gutachtergruppen von Arzten aus verschiedenen Landern eine Anzahl von Fallen mit bestimmten Diagnosen unabhangig von den Kosten daraufhin beurteilen, welche Therapie sie fur die richtige halten. Unter der Devise «evidence-based medicine» (EBM) – beweisgestutzte Medizin – hat mittlerweile in der herrschenden Medizin selbst eine kritische Untersuchung der Wissenschaftlichkeit des arztlichen Handelns eingesetzt. Dabei hat sich bestatigt, dass dieses «zu dem naturwissenschaftlichen oder irgendeinem sonstigen Wissen nur einen viel lockereren Bezug hat, als es die offiziellen Verlautbarungen nahe legen wollen» [«...much more loosely connected with scientific or any other form of knowledge than the official rhetoric would suggest», aus 1]. Unter den Medizinern wird es zum guten Teil nicht gern gesehen, dass dem in seiner Praxis sonst so souveranen Arzt in dieser Weise uber die Schulter geblickt wird. Es sind aber nicht nur viele Mediziner, denen die kritischen Blicke der EBM-Evaluatoren zu einem Argernis geraten, sondern auch viele Naturheilkundler und Komplementarmediziner lassen es sich nicht gern gefallen, mit ihrem Handeln vor ein wissenschaftliches Beweisgericht gezogen zu werden. Manche fuhlen sich sogar benachteiligt, weil sie die Wissenschaftlichkeit fur einen Wesenszug der herrschenden Medizin halten. Tatsachlich sind z.B. Wirksamkeitsnachweise in der Naturheilkunde teilweise noch erheblich schwerer zu fuhren als dort. Die «Forschende Komplementarmedizin und klassische Naturheilkunde» hat sich allerdings von Anfang an nicht darauf einlassen wollen, hier irgendwelche Ausnahmen zu beanspruchen und die Wissenschaftlichkeit den Medizinern zu uberlassen. Grundsatzlich gibt es die Moglichkeit, die Wissenschaftlichkeit entweder sowohl fur die herrschende Medizin als auch fur die Komplementarmedizin und klassische Naturheilkunde aufrechterhalten zu wollen oder diese Forderung fur beide fallen zu lassen. Die zweite Moglichkeit wurde der arztlichen Urteilskraft wieder den Raum geben, den sie wohl eigentlich verdient, und ist keineswegs von vornherein abzuweisen. Allerdings waren die meisten Arzte damit wohl uberfordert. Ich sehe aber noch einen andern Grund, warum wir uns auch in der Komplementarmedizin und klassischen Naturheilkunde der wissenschaftlichen Kontrolle nicht zu entziehen versuchen sollten. Dieser Grund ist, dass die herrschende Medizin sich – in gewissen Grenzen – zwar auf die Heilung von akuten Krankheiten versteht, nicht aber darauf, wie man gar nicht erst krank wird, also auf das gesunde Leben. Auch die Offentlichkeit erwartet von dem Gesundheitswesen lediglich diejenigen Vorkehrungen, die getroffen werden konnen, damit wir im Krankheitsfall moglichst leicht und schnell wieder gesund bzw. «gesund gemacht» werden. Dementsprechend pflegt das «Gesundheitsministerium» die politischen Voraussetzungen fur die Heilung von Krankheiten zu schaffen, obwohl die Tatigkeit anderer Ministerien fur die Gesundheit der Bevolkerung tatsachlich von viel grosserer Bedeutung ist. Beispielsweise ist die Haufigkeit von Herzinfarkten und andern Krankheiten bei Beschaftigten, deren Tatigkeit nur wenig Anerkennung findet und auch hinsichtlich der Gestaltungsspielraume unbefriedigend ist, dreibis viermal so hoch wie bei denen, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind und sie als einen Teil ihres","PeriodicalId":80278,"journal":{"name":"Forschende Komplementarmedizin und klassische Naturheilkunde = Research in complementary and natural classical medicine","volume":"12 1","pages":"4-5"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2005-02-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"https://sci-hub-pdf.com/10.1159/000083375","citationCount":"4","resultStr":"{\"title\":\"[Are complementary and classical natural medicine conducive to healthy living or only for curing diseases? 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Grundsatzlich gibt es die Moglichkeit, die Wissenschaftlichkeit entweder sowohl fur die herrschende Medizin als auch fur die Komplementarmedizin und klassische Naturheilkunde aufrechterhalten zu wollen oder diese Forderung fur beide fallen zu lassen. Die zweite Moglichkeit wurde der arztlichen Urteilskraft wieder den Raum geben, den sie wohl eigentlich verdient, und ist keineswegs von vornherein abzuweisen. Allerdings waren die meisten Arzte damit wohl uberfordert. Ich sehe aber noch einen andern Grund, warum wir uns auch in der Komplementarmedizin und klassischen Naturheilkunde der wissenschaftlichen Kontrolle nicht zu entziehen versuchen sollten. Dieser Grund ist, dass die herrschende Medizin sich – in gewissen Grenzen – zwar auf die Heilung von akuten Krankheiten versteht, nicht aber darauf, wie man gar nicht erst krank wird, also auf das gesunde Leben. 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