{"title":"小说的时代","authors":"R. Campe","doi":"10.30965/9783846763957_004","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Goethes Faszination für das Epos in der Mitte der 1790er Jahre fällt in eine Zeit, die man mitten in die Epoche des modernen Romans rechnet. Wilhelm Meisters Lehrjahre, die Goethe gerade veröffentlicht hat, sind der von ihm selbst erbrachte Beweis. Um sich von der Faszination für das Epos in der Zeit des Romans Rechenschaft zu geben, hilft eine Vorüberlegung zu den Voraus setzungen, von denen her sich die Frage nach der Form in der Literatur im weiteren Sinn stellen lässt. Man kann zwei Arten der Fragestellung unter scheiden. Epos und Roman spielen in beiden eine Rolle. Ihre Gegenüber stellung, die für den Roman definitorisch geworden ist,1 erhält vor dem Hintergrund der beiden Fragen nach der Form ebenso ein Profil, wie Goethes Versuch, diese Gegenüberstellung zu unterlaufen. Die erste Art der Diskussion betrifft die Typologie von Formtheorien in ihrer geschichtlichen Entwicklung. David Wellbery hat in einem einflussreichen Aufsatz mehrere Fassungen des Formbegriffs unterschieden und geschicht lich verortet.2 Am Anfang steht Form danach als das Eidos, die Gestalt und das Wesen der platonischen Idee. Aristoteles Hylemorphismus, die Unterschei dung von Form und Materie und ihre teleologische Beziehung aufeinander, kann als Modifikation des eidetischen Verständnisses der Form gelten. Die Modifikation bleibt dabei demselben Paradigma der Metaphysik verpflichtet wie ihr platonischer Vorgänger. In beiden Fällen bezeichnet die eidetische Form die invariante und zu Grunde liegende Struktureinheit. Ihre zweite Fassung erhält Form in dieser typologischen Skizze als Prinzip von Selbstent wicklung und Selbstorganisation. Auch wenn der Neuplatonismus das Vorbild für diesen Typus der Form ist, wird der Gedanke in den Theorien des Lebens, des Kulturprozesses und des Kunstwerks erst seit den späteren Jahrzehnten","PeriodicalId":187349,"journal":{"name":"Formen der Zeit in Poetiken der Moderne","volume":"1 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2019-10-25","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":"{\"title\":\"Die Zeit des Romans\",\"authors\":\"R. Campe\",\"doi\":\"10.30965/9783846763957_004\",\"DOIUrl\":null,\"url\":null,\"abstract\":\"Goethes Faszination für das Epos in der Mitte der 1790er Jahre fällt in eine Zeit, die man mitten in die Epoche des modernen Romans rechnet. Wilhelm Meisters Lehrjahre, die Goethe gerade veröffentlicht hat, sind der von ihm selbst erbrachte Beweis. Um sich von der Faszination für das Epos in der Zeit des Romans Rechenschaft zu geben, hilft eine Vorüberlegung zu den Voraus setzungen, von denen her sich die Frage nach der Form in der Literatur im weiteren Sinn stellen lässt. Man kann zwei Arten der Fragestellung unter scheiden. Epos und Roman spielen in beiden eine Rolle. Ihre Gegenüber stellung, die für den Roman definitorisch geworden ist,1 erhält vor dem Hintergrund der beiden Fragen nach der Form ebenso ein Profil, wie Goethes Versuch, diese Gegenüberstellung zu unterlaufen. Die erste Art der Diskussion betrifft die Typologie von Formtheorien in ihrer geschichtlichen Entwicklung. David Wellbery hat in einem einflussreichen Aufsatz mehrere Fassungen des Formbegriffs unterschieden und geschicht lich verortet.2 Am Anfang steht Form danach als das Eidos, die Gestalt und das Wesen der platonischen Idee. Aristoteles Hylemorphismus, die Unterschei dung von Form und Materie und ihre teleologische Beziehung aufeinander, kann als Modifikation des eidetischen Verständnisses der Form gelten. Die Modifikation bleibt dabei demselben Paradigma der Metaphysik verpflichtet wie ihr platonischer Vorgänger. In beiden Fällen bezeichnet die eidetische Form die invariante und zu Grunde liegende Struktureinheit. Ihre zweite Fassung erhält Form in dieser typologischen Skizze als Prinzip von Selbstent wicklung und Selbstorganisation. Auch wenn der Neuplatonismus das Vorbild für diesen Typus der Form ist, wird der Gedanke in den Theorien des Lebens, des Kulturprozesses und des Kunstwerks erst seit den späteren Jahrzehnten\",\"PeriodicalId\":187349,\"journal\":{\"name\":\"Formen der Zeit in Poetiken der Moderne\",\"volume\":\"1 1\",\"pages\":\"0\"},\"PeriodicalIF\":0.0000,\"publicationDate\":\"2019-10-25\",\"publicationTypes\":\"Journal Article\",\"fieldsOfStudy\":null,\"isOpenAccess\":false,\"openAccessPdf\":\"\",\"citationCount\":\"0\",\"resultStr\":null,\"platform\":\"Semanticscholar\",\"paperid\":null,\"PeriodicalName\":\"Formen der Zeit in Poetiken der Moderne\",\"FirstCategoryId\":\"1085\",\"ListUrlMain\":\"https://doi.org/10.30965/9783846763957_004\",\"RegionNum\":0,\"RegionCategory\":null,\"ArticlePicture\":[],\"TitleCN\":null,\"AbstractTextCN\":null,\"PMCID\":null,\"EPubDate\":\"\",\"PubModel\":\"\",\"JCR\":\"\",\"JCRName\":\"\",\"Score\":null,\"Total\":0}","platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Formen der Zeit in Poetiken der Moderne","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.30965/9783846763957_004","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"","JCRName":"","Score":null,"Total":0}
Goethes Faszination für das Epos in der Mitte der 1790er Jahre fällt in eine Zeit, die man mitten in die Epoche des modernen Romans rechnet. Wilhelm Meisters Lehrjahre, die Goethe gerade veröffentlicht hat, sind der von ihm selbst erbrachte Beweis. Um sich von der Faszination für das Epos in der Zeit des Romans Rechenschaft zu geben, hilft eine Vorüberlegung zu den Voraus setzungen, von denen her sich die Frage nach der Form in der Literatur im weiteren Sinn stellen lässt. Man kann zwei Arten der Fragestellung unter scheiden. Epos und Roman spielen in beiden eine Rolle. Ihre Gegenüber stellung, die für den Roman definitorisch geworden ist,1 erhält vor dem Hintergrund der beiden Fragen nach der Form ebenso ein Profil, wie Goethes Versuch, diese Gegenüberstellung zu unterlaufen. Die erste Art der Diskussion betrifft die Typologie von Formtheorien in ihrer geschichtlichen Entwicklung. David Wellbery hat in einem einflussreichen Aufsatz mehrere Fassungen des Formbegriffs unterschieden und geschicht lich verortet.2 Am Anfang steht Form danach als das Eidos, die Gestalt und das Wesen der platonischen Idee. Aristoteles Hylemorphismus, die Unterschei dung von Form und Materie und ihre teleologische Beziehung aufeinander, kann als Modifikation des eidetischen Verständnisses der Form gelten. Die Modifikation bleibt dabei demselben Paradigma der Metaphysik verpflichtet wie ihr platonischer Vorgänger. In beiden Fällen bezeichnet die eidetische Form die invariante und zu Grunde liegende Struktureinheit. Ihre zweite Fassung erhält Form in dieser typologischen Skizze als Prinzip von Selbstent wicklung und Selbstorganisation. Auch wenn der Neuplatonismus das Vorbild für diesen Typus der Form ist, wird der Gedanke in den Theorien des Lebens, des Kulturprozesses und des Kunstwerks erst seit den späteren Jahrzehnten