{"title":"Gesungene Geschichte(n). Eidgenössische Schlachtlieder in Chroniken und Flugschriften (Teil 1)","authors":"R. Hugener","doi":"10.24894/2296-6013.00107","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Lieder über militärische Auseinandersetzungen erfreuten sich in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft einiger Beliebtheit. Mit eingängigen Versen zu bekannten Melodien dürften solche gesungenen Erzählungen massgeblich dazu beigetragen haben, jenen Kanon von historisch bedeutsamen Ereignissen zu etablieren, der noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von jedem Schweizer Schulkind auswendig gelernt werden musste und das Geschichtsbewusstsein der Bevölkerung nachhaltig geprägt hat, mitunter heute noch in Gestalt von Schlachtfeiern und Schützenfesten zelebriert wird. In diesem Verständnis entwickelte sich die eidgenössische beziehungsweise schweizerische Geschichte entlang einer Liste von Schlachten, Kriegen und Bündnissen, die man nunmehr als «Freiheitskriege» und «Bundesbeitritte» interpretierte.1 Ab dem 19. Jahrhundert begeisterten sich Volkskunde und Germanistik für diese Art von Gesangsdichtungen, weil man darin einen unmittelbaren Ausdruck des kollektiven «Volksgeistes» zu erkennen meinte und sie dementsprechend als «historische Volkslieder» bezeichnete.2 Angeregt durch die grossen Märchenund Liedersammlungen der Romantik, edierte der Freiherr Rochus von Liliencron die Zeugnisse jener angeblichen «Volkspoesie» aus dem gesamten deutschen Sprachraum.3 Auf die reichhaltige Überlieferung aus dem Gebiet der Schweiz machten derweil Koryphäen wie Ernst Ludwig Rochholz, Ludwig Ettmüller und Ludwig Tobler aufmerksam, die sie aufgrund ihrer Einschätzung der Authentizität beziehungsweise «Ächtheit» beurteilten.4 Da sie sich nur für die ursprünglichsten und ältesten Fassungen interessierten, betrachteten sie die","PeriodicalId":82668,"journal":{"name":"Schweizerische Zeitschrift fur Geschichte. Revue suisse d'histoire. Rivista storica svizzera","volume":"1 1","pages":""},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2022-01-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Schweizerische Zeitschrift fur Geschichte. Revue suisse d'histoire. Rivista storica svizzera","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.24894/2296-6013.00107","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"","JCRName":"","Score":null,"Total":0}
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Abstract
Lieder über militärische Auseinandersetzungen erfreuten sich in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft einiger Beliebtheit. Mit eingängigen Versen zu bekannten Melodien dürften solche gesungenen Erzählungen massgeblich dazu beigetragen haben, jenen Kanon von historisch bedeutsamen Ereignissen zu etablieren, der noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von jedem Schweizer Schulkind auswendig gelernt werden musste und das Geschichtsbewusstsein der Bevölkerung nachhaltig geprägt hat, mitunter heute noch in Gestalt von Schlachtfeiern und Schützenfesten zelebriert wird. In diesem Verständnis entwickelte sich die eidgenössische beziehungsweise schweizerische Geschichte entlang einer Liste von Schlachten, Kriegen und Bündnissen, die man nunmehr als «Freiheitskriege» und «Bundesbeitritte» interpretierte.1 Ab dem 19. Jahrhundert begeisterten sich Volkskunde und Germanistik für diese Art von Gesangsdichtungen, weil man darin einen unmittelbaren Ausdruck des kollektiven «Volksgeistes» zu erkennen meinte und sie dementsprechend als «historische Volkslieder» bezeichnete.2 Angeregt durch die grossen Märchenund Liedersammlungen der Romantik, edierte der Freiherr Rochus von Liliencron die Zeugnisse jener angeblichen «Volkspoesie» aus dem gesamten deutschen Sprachraum.3 Auf die reichhaltige Überlieferung aus dem Gebiet der Schweiz machten derweil Koryphäen wie Ernst Ludwig Rochholz, Ludwig Ettmüller und Ludwig Tobler aufmerksam, die sie aufgrund ihrer Einschätzung der Authentizität beziehungsweise «Ächtheit» beurteilten.4 Da sie sich nur für die ursprünglichsten und ältesten Fassungen interessierten, betrachteten sie die