{"title":"„Blatherumskeit amid the Fumes of Beer and Tobacco“. Britische Verbalkarikaturen und frühe Fotografien deutscher Studenten","authors":"A. Weber","doi":"10.1515/ANGER-2018-0007","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Die britisch-deutschen Beziehungen waren lange geprägt durch das Missverhältnis einer in Europa und der Welt am weitesten entwickelten Nation und einem rückständigen Gebilde aus Kleinstaaterei, Provinzialismus und Feudalismus. Die Bewegung zur nationalen Einigung, zu der die Germanistik wesentliche geistige Anstöße gegeben hat, und die späteren Auswüchse des Nationalismus sind auch Versuche, die verwandte angelsächsische Nation einzuholen. Gerade die Mischung von kultureller Nähe der Herkunft und großem Abstand in der jüngeren politischen, ökonomischen Entwicklung und dem äußeren Ansehen führt zu einer besonderen Schärfe in der gegenseitigen Wahrnehmung. Dies ähnelt Spannungen zwischen mehr oder weniger erfolgreichen Zweigen einer Familie. So lassen sich auch die scharfen Konturen der gegenseitigen nationalen Stereotypen verstehen. Ein Gegenstand, der sich im 19. Jahrhundert besonders zur Typisierung anbot, waren die deutschen Studenten.1 Ihr eigentümliches Gebaren, ihre Kleidung, sonderbaren Sitten und politischen Träumereien luden britische Reiseschriftsteller zu Beschreibungen ein, die leicht zu verbalen Karikaturen weiter entwickelt werden konnten. Diese Beschreibungen in der Reiseliteratur kann man als interkulturelle Sonderform der Ekphrasis auffassen. Sie erlaubt den britischen Lesern, die zumeist kaum Gelegenheit hatten, den Kontinent selbst zu bereisen, sich eine plastische Vorstellung von der Fremdheit einiger Menschen in dem fernen Land zu machen. Die anschauliche Personenschilderung geht dann über in ein breiteres Sittengemälde. Sie erlaubt eine unterhaltsame und erlebnishafte Teilhabe an einer Reise in einer Epoche, als es die direkteren Mittel moderner visueller Medien, die massenweise reproduzierbar waren, noch nicht gab. Mit dem Aufkommen der Fotografie, die eine neue Aura der Authentizität","PeriodicalId":40371,"journal":{"name":"Angermion-Yearbook for Anglo-German Literary Criticism Intellectual History and Cultural Transfers-Jahrbuch fuer Britisch-Deutsche Kulturbeziehungen","volume":"11 1","pages":"133 - 154"},"PeriodicalIF":0.1000,"publicationDate":"2018-11-01","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"https://sci-hub-pdf.com/10.1515/ANGER-2018-0007","citationCount":"0","resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Angermion-Yearbook for Anglo-German Literary Criticism Intellectual History and Cultural Transfers-Jahrbuch fuer Britisch-Deutsche Kulturbeziehungen","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.1515/ANGER-2018-0007","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"0","JCRName":"HUMANITIES, MULTIDISCIPLINARY","Score":null,"Total":0}
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Abstract
Die britisch-deutschen Beziehungen waren lange geprägt durch das Missverhältnis einer in Europa und der Welt am weitesten entwickelten Nation und einem rückständigen Gebilde aus Kleinstaaterei, Provinzialismus und Feudalismus. Die Bewegung zur nationalen Einigung, zu der die Germanistik wesentliche geistige Anstöße gegeben hat, und die späteren Auswüchse des Nationalismus sind auch Versuche, die verwandte angelsächsische Nation einzuholen. Gerade die Mischung von kultureller Nähe der Herkunft und großem Abstand in der jüngeren politischen, ökonomischen Entwicklung und dem äußeren Ansehen führt zu einer besonderen Schärfe in der gegenseitigen Wahrnehmung. Dies ähnelt Spannungen zwischen mehr oder weniger erfolgreichen Zweigen einer Familie. So lassen sich auch die scharfen Konturen der gegenseitigen nationalen Stereotypen verstehen. Ein Gegenstand, der sich im 19. Jahrhundert besonders zur Typisierung anbot, waren die deutschen Studenten.1 Ihr eigentümliches Gebaren, ihre Kleidung, sonderbaren Sitten und politischen Träumereien luden britische Reiseschriftsteller zu Beschreibungen ein, die leicht zu verbalen Karikaturen weiter entwickelt werden konnten. Diese Beschreibungen in der Reiseliteratur kann man als interkulturelle Sonderform der Ekphrasis auffassen. Sie erlaubt den britischen Lesern, die zumeist kaum Gelegenheit hatten, den Kontinent selbst zu bereisen, sich eine plastische Vorstellung von der Fremdheit einiger Menschen in dem fernen Land zu machen. Die anschauliche Personenschilderung geht dann über in ein breiteres Sittengemälde. Sie erlaubt eine unterhaltsame und erlebnishafte Teilhabe an einer Reise in einer Epoche, als es die direkteren Mittel moderner visueller Medien, die massenweise reproduzierbar waren, noch nicht gab. Mit dem Aufkommen der Fotografie, die eine neue Aura der Authentizität