{"title":"Two halves","authors":"Lee McGowan","doi":"10.4324/9780429344053-6","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Zwei überraschende Erkenntnisse hält dieses Buch gleich zu Beginn bereit: die (süddeutsche) Fußballinteressierte ist verblüfft darüber, dass Bayer Leverkusen tatsächlich Fans hat, und die Kommunikationswissenschaftlerin registriert nicht weniger erstaunt, dass man einen Fußballklub als Text auffassen kann. Sobald man das Befremden über diese beiden Sachverhalte überwindet, gestaltet sich die Lektüre aber streckenweise durchaus interessant. Sandvoss will, in der Tradition der Cultural Studies, die Gründe für die Popularität von Fußball untersuchen und gleichzeitig herausfinden, welche Konsequenzen für Gesellschaft und Kultur sich aus dieser ungebrochenen Beliebtheit ergeben. Dabei bedient er sich qualitativer Interviews mit Fußballfans sowie der teilnehmenden Beobachtung. Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil wird aufgezeigt, dass das Dasein als Fan eng mit Konsumaspekten – nicht zuletzt mit solchen des Medienkonsums – verknüpft ist. Im Wechsel von der Mikrozur Makroperspektive werden sodann die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen beleuchtet. Abschließend wird erläutert, inwieweit (Profi-)Fußball als postmoderne Kulturform aufzufassen ist. Die zentrale Erkenntnis der ersten Kapitel ist eine erweiterte Definition des Begriffs „Fan“, die aus den Interviews von Zuschauern resultiert. Gefragt, warum sie sich selbst für Fans halten, tauchen in fast allen Antworten Aspekte der Medienzuwendung auf: Man versteht sich als Fan, weil man absichtsvoll und regelmäßig Spiele ansieht, die Berichterstattung in den Printmedien über den Lieblingsverein verfolgt und sogar die Informationshäppchen im Teletext aufnimmt. Unter Rückgriff auf das Habituskonzept von Bourdieu argumentiert Sandvoss in der Folge, dass die Art und Weise des Konsums identitätsstiftend wirkt. Aufschlussreich auf der Individualebene ist zudem, dass der Lieblingsverein als Projektionsfläche für die eigenen Werte und Weltanschauungen dient: Die erfolgreiche Geschäftsfrau ist Chelsea-Anhängerin wegen der ruhmreichen Vergangenheit des Vereins, der glücklose freie Journalist stuft den selben Verein als erfolglos ein, der stets an den Umständen scheitert, obwohl er über gute Voraussetzungen verfügt. Beide ziehen mehr oder weniger explizit Parallelen zu ihrer eigenen Lebenssituation und identifizieren sich aufgrund der Sachverhalte, die zu ihren Auslegungen passen, mit dem Klub. Nach einer klaren Absage an Habermas’ normatives Öffentlichkeitskonzept zugunsten eines breiteren Verständnis von Öffentlichkeit wird die Verflechtung der Fans mit der Öffentlichkeitssphäre demonstriert. Über den Fußball sind sie durchaus an gesellschaftspolitischen Diskursen beteiligt, wenn dort Themen wie Ausländerfeindlichkeit oder Homosexualität virulent werden. Quintessenz des zweiten Abschnitts ist aber die gemeinschaftsbildende Funktion des Fußballs, wobei die Gemeinschaften nicht länger regional beschränkt bleiben. Vielmehr entstehen durch die verstärkte mediale Verbreitung globale „dritte Kulturen“, die losgelöst von Zeit und Ort sind. Besonders deutlich wird dies etwa am Beispiel einer Gruppe norwegischer Fans, die kontinuierlich die Spiele der englischen Liga verfolgen und dort auch ihre Lieblingsvereine haben, während das einheimische Fußballgeschehen für sie bedeutungslos ist. Die umfassende kulturwissenschaftliche Betrachtungsweise führt dazu, dass die Rolle der Medien zwar angesprochen wird, aber insgesamt unterbelichtet bleibt, obwohl vor allem die Bedeutung des Fernsehens immer wieder herausgehoben wird. Allerdings liefert der abschließende Teil des Buches hier nichts grundlegend Neues. Dass ein Fußballspiel im Fernsehen für den Betrachter eine andere Qualität hat als ein Stadionbesuch, ist evident und auch ohne Rückgriff auf Baudrillard’sche Ausführungen zu Simulation und Hyperrealität zu erklären. Aufschlussreicher sind die Abschnitte, die die Rationalisierungsprozesse im professionellen Fußball aufschlüsseln. Hier werden Parallelen gezogen zu George Ritzers Ausführungen über die „McDonaldisierung“ der Fast-Food-Industrie. Die McDonaldisierung basiert auf vier Prinzipien: Effektivität, Kalkulierbarkeit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit. 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Abstract
Zwei überraschende Erkenntnisse hält dieses Buch gleich zu Beginn bereit: die (süddeutsche) Fußballinteressierte ist verblüfft darüber, dass Bayer Leverkusen tatsächlich Fans hat, und die Kommunikationswissenschaftlerin registriert nicht weniger erstaunt, dass man einen Fußballklub als Text auffassen kann. Sobald man das Befremden über diese beiden Sachverhalte überwindet, gestaltet sich die Lektüre aber streckenweise durchaus interessant. Sandvoss will, in der Tradition der Cultural Studies, die Gründe für die Popularität von Fußball untersuchen und gleichzeitig herausfinden, welche Konsequenzen für Gesellschaft und Kultur sich aus dieser ungebrochenen Beliebtheit ergeben. Dabei bedient er sich qualitativer Interviews mit Fußballfans sowie der teilnehmenden Beobachtung. Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil wird aufgezeigt, dass das Dasein als Fan eng mit Konsumaspekten – nicht zuletzt mit solchen des Medienkonsums – verknüpft ist. Im Wechsel von der Mikrozur Makroperspektive werden sodann die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen beleuchtet. Abschließend wird erläutert, inwieweit (Profi-)Fußball als postmoderne Kulturform aufzufassen ist. Die zentrale Erkenntnis der ersten Kapitel ist eine erweiterte Definition des Begriffs „Fan“, die aus den Interviews von Zuschauern resultiert. Gefragt, warum sie sich selbst für Fans halten, tauchen in fast allen Antworten Aspekte der Medienzuwendung auf: Man versteht sich als Fan, weil man absichtsvoll und regelmäßig Spiele ansieht, die Berichterstattung in den Printmedien über den Lieblingsverein verfolgt und sogar die Informationshäppchen im Teletext aufnimmt. Unter Rückgriff auf das Habituskonzept von Bourdieu argumentiert Sandvoss in der Folge, dass die Art und Weise des Konsums identitätsstiftend wirkt. Aufschlussreich auf der Individualebene ist zudem, dass der Lieblingsverein als Projektionsfläche für die eigenen Werte und Weltanschauungen dient: Die erfolgreiche Geschäftsfrau ist Chelsea-Anhängerin wegen der ruhmreichen Vergangenheit des Vereins, der glücklose freie Journalist stuft den selben Verein als erfolglos ein, der stets an den Umständen scheitert, obwohl er über gute Voraussetzungen verfügt. Beide ziehen mehr oder weniger explizit Parallelen zu ihrer eigenen Lebenssituation und identifizieren sich aufgrund der Sachverhalte, die zu ihren Auslegungen passen, mit dem Klub. Nach einer klaren Absage an Habermas’ normatives Öffentlichkeitskonzept zugunsten eines breiteren Verständnis von Öffentlichkeit wird die Verflechtung der Fans mit der Öffentlichkeitssphäre demonstriert. Über den Fußball sind sie durchaus an gesellschaftspolitischen Diskursen beteiligt, wenn dort Themen wie Ausländerfeindlichkeit oder Homosexualität virulent werden. Quintessenz des zweiten Abschnitts ist aber die gemeinschaftsbildende Funktion des Fußballs, wobei die Gemeinschaften nicht länger regional beschränkt bleiben. Vielmehr entstehen durch die verstärkte mediale Verbreitung globale „dritte Kulturen“, die losgelöst von Zeit und Ort sind. Besonders deutlich wird dies etwa am Beispiel einer Gruppe norwegischer Fans, die kontinuierlich die Spiele der englischen Liga verfolgen und dort auch ihre Lieblingsvereine haben, während das einheimische Fußballgeschehen für sie bedeutungslos ist. Die umfassende kulturwissenschaftliche Betrachtungsweise führt dazu, dass die Rolle der Medien zwar angesprochen wird, aber insgesamt unterbelichtet bleibt, obwohl vor allem die Bedeutung des Fernsehens immer wieder herausgehoben wird. Allerdings liefert der abschließende Teil des Buches hier nichts grundlegend Neues. Dass ein Fußballspiel im Fernsehen für den Betrachter eine andere Qualität hat als ein Stadionbesuch, ist evident und auch ohne Rückgriff auf Baudrillard’sche Ausführungen zu Simulation und Hyperrealität zu erklären. Aufschlussreicher sind die Abschnitte, die die Rationalisierungsprozesse im professionellen Fußball aufschlüsseln. Hier werden Parallelen gezogen zu George Ritzers Ausführungen über die „McDonaldisierung“ der Fast-Food-Industrie. Die McDonaldisierung basiert auf vier Prinzipien: Effektivität, Kalkulierbarkeit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit. Die Effektivitätssteigerung im Fußball – also die Erhöhung der Profite bei maximaler Ausnutzung der Ressourcen – besteht darin, dass Literatur · Besprechungen