{"title":"Fragmentierung des Dionysos. performative Strategien in den Bakchen -Inszenierungen","authors":"Massimo Fusillo","doi":"10.14361/9783839409992-015","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"In der dionysischen Sphäre spielt die Fragmentierung schon auf der Ebene des Mythos und des Rituals eine essentielle Rolle, bereits vor allen literarischen Texten. Die rituelle Zerstückelung, der sparagmos, betrifft ebenso sehr den Gott wie seinen Widersacher Pentheus, und findet somit als nicht zu leugnender symbolischer Wert für die Konstruktion der Identität ihren Einsatz, die im Zentrum der zeitgenössischen Theorie steht.2 Der dionysische Kult schloss außerdem eine Detonation des logos im Schrei und im Tanz mit ein, wovon naturgemäß nur wenige Spuren greifbar sind. Die einzige erhaltene Tragödie über den Theatergott – ein verstörendes Vermächtnis des exilierten Euripides – weist zwar durchaus eine kompakte und klassische Struktur auf, aber ebenso einen Riss, den die zeitgenössische Rezeption radikalisiert hat, in einer Bewegung hin zu einer postdramatischen Fragmentarisierung: In der Tat haben die Bakchen einen gewissen isolierten komischen Zug (die Szene zwischen Kadmos und Teiresias und die Verkleidung des Pentheus), und vor allem lässt sich in ihnen eine fluktuierende Identifikation zwischen den beiden Protagonisten erkennen. Zu Beginn ist Pentheus der negative, tyrannische Widersacher, im Verlaufe des Spiels aber fällt er in solchem Maße der exzessiven Rache des Gottes zum Opfer, dass er mehr und mehr Mitleid auf sich zieht. Gerade ihre tief wurzelnde Ambiguität begründet den bescheidenen Erfolg dieser Tragödie in der Nachwelt – verglichen zumindest mit anderen griechischen Tragödien; ihre volle Wertschätzung finden die Bakchen","PeriodicalId":311190,"journal":{"name":"Theater des Fragments","volume":"229 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2009-12-31","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Theater des Fragments","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.14361/9783839409992-015","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"","JCRName":"","Score":null,"Total":0}
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Abstract
In der dionysischen Sphäre spielt die Fragmentierung schon auf der Ebene des Mythos und des Rituals eine essentielle Rolle, bereits vor allen literarischen Texten. Die rituelle Zerstückelung, der sparagmos, betrifft ebenso sehr den Gott wie seinen Widersacher Pentheus, und findet somit als nicht zu leugnender symbolischer Wert für die Konstruktion der Identität ihren Einsatz, die im Zentrum der zeitgenössischen Theorie steht.2 Der dionysische Kult schloss außerdem eine Detonation des logos im Schrei und im Tanz mit ein, wovon naturgemäß nur wenige Spuren greifbar sind. Die einzige erhaltene Tragödie über den Theatergott – ein verstörendes Vermächtnis des exilierten Euripides – weist zwar durchaus eine kompakte und klassische Struktur auf, aber ebenso einen Riss, den die zeitgenössische Rezeption radikalisiert hat, in einer Bewegung hin zu einer postdramatischen Fragmentarisierung: In der Tat haben die Bakchen einen gewissen isolierten komischen Zug (die Szene zwischen Kadmos und Teiresias und die Verkleidung des Pentheus), und vor allem lässt sich in ihnen eine fluktuierende Identifikation zwischen den beiden Protagonisten erkennen. Zu Beginn ist Pentheus der negative, tyrannische Widersacher, im Verlaufe des Spiels aber fällt er in solchem Maße der exzessiven Rache des Gottes zum Opfer, dass er mehr und mehr Mitleid auf sich zieht. Gerade ihre tief wurzelnde Ambiguität begründet den bescheidenen Erfolg dieser Tragödie in der Nachwelt – verglichen zumindest mit anderen griechischen Tragödien; ihre volle Wertschätzung finden die Bakchen