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In weiter Ferne wohl dagewesen. Interviews als Fiktionen des Wirklichen
Dabei, so scheint es, könnten dokumentarische und fiktionale Verfahren unter schiedlicher kaum sein: Diese erfinden, was es nicht gibt, jene bemühen sich zu bezeugen, was es gibt oder gegeben hat. Eine solche Unterscheidung scheint zu nächst unterkomplex. Doch spätestens seit Niklas Luhmannweiß man, dass sich komplexe Gesellschaften auf der Basis schlichter Binarismen wie „schön/nichtschön“ oder „machtvoll/machtlos“ funktional ausdifferenzieren. Binäre Differen zen wie Fiktion und Fakt wiederum können gleichermaßen zur Orientierung wie zur Desorientierung beitragen, weil ihr Verhältnis ständig neu justiert und aktua lisiert wird – und das seit der Antike. So hat Aristoteles bekanntlich im neun ten Kapitel seiner Poetik die literarische Fiktion als Residuum von Dichtung be stimmt, da diese das Mögliche darstelle, während die Historiografie tatsächlich Geschehenes berichte.2 Dochwährendmittlerweile die unter demBegriff ‚Mythos‘ subsumierten Erzählungen von Göttern, Heroen und Ursprüngen als weitgehend erfunden erachtet werden, standen sie in der Antike auf Seiten des wirklich Ge schehenen – meistens jedenfalls. Denn der Geograph Eratosthenes vertrat schon damals die Ansicht, dassman erst dann herausfinden könne, wo genau Odysseus herumgeirrt sei, wenn man den Riemer gefunden habe, der den Sack der Winde nähte, der Odysseus die Heimfahrt ermöglichen sollte. Das wiederummuss wohl