{"title":"14. 人类死亡","authors":"Menschliches Sterben","doi":"10.1515/9783110666373-017","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Im Folgenden möchte ich mich aus Sicht der Philosophischen Anthropologie von Helmuth Plessner dem Thema des menschlichen Sterbens annähern. Das Sterben eines Lebewesens tritt normaler Weise, oder wie wir auch in der Umgangssprache sagen: natürlicher Weise, d. h., wenn keine außergewöhnlichen Umstände eintreten, erst am Ende eines Lebens ein, nachdem dieses Leben andere Perioden durchlaufen hat. Das Sterben gehört dann dem Leben an, aber derjenigen Lebensphase, die im Tod des Lebewesens endet. Daher beginne ich in einem ersten Schritt damit, das Sterben in die Entwicklungsperioden eines Lebens einzuordnen. Diese Einordnung unterstellt – naturphilosophisch gesehen – einen Lebensprozess im Ganzen und den Zugang zu diesem Lebensprozess. Dieser Frage gehe ich im zweiten Schritt nach: Was bedeutet „Leben“ in einem weiten Sinne als Voraussetzung dafür, das Sterben als seine Endphase verstehen zu können? Im dritten Schritt ergänze ich das Lebensverständnis durch das Verständnis vom Tode, wie es in verschiedenen Redeweisen der Umgangssprache zum Ausdruck kommt. Ehemals lebende Körper, Leiber, können nun tot sein. Dann geht es um eine bestimmte empirische oder ganzheitliche Eigenschaft von Körpern. Aber das Tot-Sein unter Menschen wird auch personal vorgestellt, so dass der Tod im Narrativ menschlichen Lebens eine Art von Personenrolle zu übernehmen vermag. Diese Ausdrucksweisen im Lebensund Todesverständnis verweisen auf eine weitere Voraussetzung, die im vierten Schritt eingeholt werden wird: Worin besteht die personale Spezifik der menschlichen Lebensform im Unterschied zu anderen Lebensformen? Wir nehmen an dem Geist einer Mitwelt teil, der eine Distanz gegenüber Körpern und Leibern ermöglicht, die jedoch selber des leiblichen Vollzuges bedarf. Nach dieser Einkreisung des Themas vom Sterben zwischen Leben und Tod für die Spezifik von Menschen als Personen lässt sich im fünften und letzten Schritt verstehen, dass das menschliche Sterben unter dem Primat der Bewahrung der Würde von Personen steht. Die Teilnahme am Prozess des Sterbens einer Person erfordert die Wahrung ihrer Würde, aber auch die der sie begleitenden und erinnernden Personen, in denen sie symbolisch fortlebt.","PeriodicalId":282656,"journal":{"name":"Homo absconditus","volume":"1 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2019-12-16","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":"{\"title\":\"14. 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