{"title":"画的没一点爱","authors":"K. Putz","doi":"10.1515/yejls-2019-0009","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Der Protagonist aus Peter Weiss’ Romantrilogie Die Ästhetik des Widerstands kommt in den 1930er Jahren nach Paris – ausgestattet mit im Selbststudium erworbenen Kenntnissen der Kunstgeschichte und Ästhetik, und mit desillusionierenden politischen Erfahrungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Allen privaten und politischen Unwägbarkeiten zum Trotz ist eines seiner ersten Ziele in der Stadt das Musée du Louvre. Dort möchte der junge Arbeiter jene Werke der bildenden Kunst sehen, die ihn lange schon faszinieren, und die er bislang nur aus Büchern und Gesprächen kennt. Frühmorgens steht er vor den noch verschlossenen Türen des Louvre und stellt fest, dass die Museen wohl den „Langschläfern“ gehören, jenen, „die nach später und reichlicher Mahlzeit der Nachtruhe pflegen und dann frei über ihren Tag verfügen konnten.“ (Weiss 1983, 15) Er hingegen habe sich seine Zeit, einen ganzen Tag für den Museumsbesuch „gestohlen“ – für einen Besuch, den er sich im Vorfeld bereits ausmalt: „ich sah mich schon umhergehn dort, in dem Speicher, in dem eines neben dem andern die Werke der Einbildungskraft, der Erfindungskraft hingen, in dem, in originalen Farben und Formen, all das vorhanden war, was ich bisher nur vom Hörensagen oder aus ungewissen Reproduktionen kannte.“ (Weiss 1983, 15) Dass solche „ungewissen“ Reproduktionen ihre Schatten auf die Originale (voraus) werfen können, ist eine Erfahrung, die nicht nur Weiss’ Romanfigur macht, sondern die sich auch im Selbstversuch leicht nachvollziehen lässt: Es kann sich nachgerade Enttäuschung einstellen beim ersten Anblick eines Gemäldes im Original, so man bisher nur dessen Schwarz-Weiß-Reproduktion kannte. Die originale Größe, Bildkomposition und Farbpalette eines Kunstwerks vermögen dann eine kurze Irritation auszulösen: Auf den ersten Blick kann das Original geradezu hinter seinen Reproduktionen zurückstehen, ja als deren schlechte Kopie erscheinen. Letzteren Gedanken der Inversion von Original und Kopie verfolgt auch Günther Anders (Breslau 1902–Wien 1992) an einer Stelle seines unvollendet und unveröffentlicht gebliebenen „Louvretagebuchs“ aus den Jahren 1927/28. Nichts mache uns blinder den Originalen gegenüber als die Kenntnis ihrer Reproduktionen, heißt es darin, und darum gelte es, sichmittels einer sogenannten „Destruktionsübung“ die Fähigkeit, die Kopien zu vergessen, regelrecht anzutrainieren, denn nur auf diese Weise könne man ein durch seine Reproduktionen eben nur scheinbar vertrautes Original überhaupt wieder unvoreingenommen betrachten","PeriodicalId":265278,"journal":{"name":"Yearbook for European Jewish Literature Studies","volume":"37 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2019-11-18","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":"{\"title\":\"Wider die Skizzenliebe\",\"authors\":\"K. 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