{"title":"密码是白色的格特鲁德科尔玛斯世界中的白色纸张","authors":"Shira Miron","doi":"10.1515/yejls-2019-0011","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Mit diesem Selbstbekenntnis der namenlosen Ich-Erzählerin beginnt Gertrud Kolmars letztes überliefertes Werk, die im Jahr 1939 geschriebene Erzählung Susanna (Sparr 1992, 89). Gleich darauf folgt ein weder verneinter, noch bedingter, noch hypothetischer, sondern ein in der Gegenwartsform geschriebener Satz, in dem das Ich sich als es selbst zu erkennen gibt: „Nur eine alte Erzieherin mit grauendem Scheitel, zermürbter Stirn und Tränensäcken unter den müden Augen“ (Kolmar 1993, 7). Das den Folgesatz eröffnende Adverb „Nur“ funktioniert dabei einerseits als Gelenk, das im Rahmen der erzählten Wirklichkeit vom Fiktionalen zum Realen führt, andererseits als Zäsur, die den oben zitierten einführenden Abschnitt im Nachhinein auch als eine unabhängige poetologische Äußerung zu verstehen erlaubt. So lässt sich der fünf Sätze umfassende Anfangsabschnitt als eine selbstständige textuelle Einheit lesen, die chiastisch strukturiert ist. Der erste und der fünfte Satz, die zusammen den Rahmen dieser Einheit bilden, setzen die Dichtung und die Kunst gleich (die Aussage „Ich bin keine Dichterin“ steht komplementär zu der Aussage „Ich bin keine Künstlerin“). Der zweite und der vierte Satz lassen sich als ein langer, wenn auch unterbrochener Satz lesen, der von einem unerfüllbaren Wunsch des Ich spricht: eine Geschichte zu schreiben. Im Zentrum des Abschnitts steht die Beschreibung dieser erwünschten Geschichte, die gleichzeitig die einzigartige Fähigkeit des Dichters und Künstlers offenbart – die Hervorbringung einer „schöne[n] Erzählung [...] mit Anfang und Ende“. Der Anfang und das Ende sind nicht nur idealtypische Merkmale der von der Erzählerin vorgestellten „schöne[n] Erzählung“, sondern zugleich die Existenzbedingungen jedes poetischen Texts als solchem, und somit auch von jenem, der mit diesen Worten anfängt, nämlich der Erzählung Susanna. Die","PeriodicalId":265278,"journal":{"name":"Yearbook for European Jewish Literature Studies","volume":"1 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2019-11-18","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":"{\"title\":\"Polyphon gefasstes Weiss – das weiße Papier in Gertrud Kolmars Welten\",\"authors\":\"Shira Miron\",\"doi\":\"10.1515/yejls-2019-0011\",\"DOIUrl\":null,\"url\":null,\"abstract\":\"Mit diesem Selbstbekenntnis der namenlosen Ich-Erzählerin beginnt Gertrud Kolmars letztes überliefertes Werk, die im Jahr 1939 geschriebene Erzählung Susanna (Sparr 1992, 89). 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Polyphon gefasstes Weiss – das weiße Papier in Gertrud Kolmars Welten
Mit diesem Selbstbekenntnis der namenlosen Ich-Erzählerin beginnt Gertrud Kolmars letztes überliefertes Werk, die im Jahr 1939 geschriebene Erzählung Susanna (Sparr 1992, 89). Gleich darauf folgt ein weder verneinter, noch bedingter, noch hypothetischer, sondern ein in der Gegenwartsform geschriebener Satz, in dem das Ich sich als es selbst zu erkennen gibt: „Nur eine alte Erzieherin mit grauendem Scheitel, zermürbter Stirn und Tränensäcken unter den müden Augen“ (Kolmar 1993, 7). Das den Folgesatz eröffnende Adverb „Nur“ funktioniert dabei einerseits als Gelenk, das im Rahmen der erzählten Wirklichkeit vom Fiktionalen zum Realen führt, andererseits als Zäsur, die den oben zitierten einführenden Abschnitt im Nachhinein auch als eine unabhängige poetologische Äußerung zu verstehen erlaubt. So lässt sich der fünf Sätze umfassende Anfangsabschnitt als eine selbstständige textuelle Einheit lesen, die chiastisch strukturiert ist. Der erste und der fünfte Satz, die zusammen den Rahmen dieser Einheit bilden, setzen die Dichtung und die Kunst gleich (die Aussage „Ich bin keine Dichterin“ steht komplementär zu der Aussage „Ich bin keine Künstlerin“). Der zweite und der vierte Satz lassen sich als ein langer, wenn auch unterbrochener Satz lesen, der von einem unerfüllbaren Wunsch des Ich spricht: eine Geschichte zu schreiben. Im Zentrum des Abschnitts steht die Beschreibung dieser erwünschten Geschichte, die gleichzeitig die einzigartige Fähigkeit des Dichters und Künstlers offenbart – die Hervorbringung einer „schöne[n] Erzählung [...] mit Anfang und Ende“. Der Anfang und das Ende sind nicht nur idealtypische Merkmale der von der Erzählerin vorgestellten „schöne[n] Erzählung“, sondern zugleich die Existenzbedingungen jedes poetischen Texts als solchem, und somit auch von jenem, der mit diesen Worten anfängt, nämlich der Erzählung Susanna. Die