{"title":"Zarteste Quartiere","authors":"U. Marx, Erdmut Wizisla","doi":"10.1515/yejls-2019-0008","DOIUrl":null,"url":null,"abstract":"Ist es nicht ein merkwürdiges Phänomen, dass sich Blindbände im Buchhandel wachsenden Interesses erfreuen? Geht von ihnen eine Einladung zur Kreativität aus? Ein freier Raum in solch einem Buch, in einem Manuskript oder Kunstwerk steht für das Offene, das nicht zu Ende Gedachte, für ein Potential, für Nochnicht-Gewordenes. Wenn wir uns einem solchen Raum für Notizen, dem bewusst frei Gelassenen, zuwenden, können wir Unbekanntes entdecken. Unser Interesse gilt eher dem Prozess als dem Resultat, eher dem Experiment als dem Definierten. Vielleicht machen wir dabei sogar die Erfahrung, dass Hofmannsthals Wort, wie Benjamin es gern zitierte, wahr wird: „Was nie geschrieben wurde, lesen.“ (GS II.1, 213). Schon seit einiger Zeit haben Buchverlage das Geschäft mit Blankbooks oder Blindbänden entdeckt. Was man für Gäste-, Rezeptoder Tagebücher nachvollziehen kann, ist zu einer Mode in allen Bereichen geworden. Es gibt Bücher mit französischen oder lateinischen Titeln, aber leeren Seiten, Bücher mit Goldschnitt, Leder-, Samtoder Holzeinbänden, mit Bändchen und Schließen. Reclam hat ein Notizheft im Programm: „Sie zählen noch nicht zum illustren Kreis der Reclam-Autoren?“, fragte der Verlag in einer Programmvorschau. „Das können Sie jetzt ändern, denn jetzt gibt’s das Universal-Notizbuch: 128 Seiten, kariert, original UB-Papier, mit integriertem Bleistift im UB-gelben Schuber. 128 Seiten warten darauf, von Ihnen gefüllt zu werden – und machen Sie zum Autor Ihres eigenen Reclam-Heftes!“ Die Deutsche Nationalbibliothek wird ein solches Buch allerdings nicht erwerben. „Bücher mit unbedruckten Seiten (Vakatbücher, Blankbooks)“ gelten als „Nicht-Medienwerke im Sinne des Gesetzes“ und sind daher „nicht zu sammeln“, protokollieren, ein bisschen humorlos, die „Sammelrichtlinien“; das gelte „auch wenn bedruckter Umschlag, Titelblatt oder Impressum vorhanden sind“, und offenbar geht nicht einmal von einer ISBN eine Verpflichtung zum Sammeln aus.","PeriodicalId":265278,"journal":{"name":"Yearbook for European Jewish Literature Studies","volume":"61 1","pages":"0"},"PeriodicalIF":0.0000,"publicationDate":"2019-11-18","publicationTypes":"Journal Article","fieldsOfStudy":null,"isOpenAccess":false,"openAccessPdf":"","citationCount":"0","resultStr":null,"platform":"Semanticscholar","paperid":null,"PeriodicalName":"Yearbook for European Jewish Literature Studies","FirstCategoryId":"1085","ListUrlMain":"https://doi.org/10.1515/yejls-2019-0008","RegionNum":0,"RegionCategory":null,"ArticlePicture":[],"TitleCN":null,"AbstractTextCN":null,"PMCID":null,"EPubDate":"","PubModel":"","JCR":"","JCRName":"","Score":null,"Total":0}
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Abstract
Ist es nicht ein merkwürdiges Phänomen, dass sich Blindbände im Buchhandel wachsenden Interesses erfreuen? Geht von ihnen eine Einladung zur Kreativität aus? Ein freier Raum in solch einem Buch, in einem Manuskript oder Kunstwerk steht für das Offene, das nicht zu Ende Gedachte, für ein Potential, für Nochnicht-Gewordenes. Wenn wir uns einem solchen Raum für Notizen, dem bewusst frei Gelassenen, zuwenden, können wir Unbekanntes entdecken. Unser Interesse gilt eher dem Prozess als dem Resultat, eher dem Experiment als dem Definierten. Vielleicht machen wir dabei sogar die Erfahrung, dass Hofmannsthals Wort, wie Benjamin es gern zitierte, wahr wird: „Was nie geschrieben wurde, lesen.“ (GS II.1, 213). Schon seit einiger Zeit haben Buchverlage das Geschäft mit Blankbooks oder Blindbänden entdeckt. Was man für Gäste-, Rezeptoder Tagebücher nachvollziehen kann, ist zu einer Mode in allen Bereichen geworden. Es gibt Bücher mit französischen oder lateinischen Titeln, aber leeren Seiten, Bücher mit Goldschnitt, Leder-, Samtoder Holzeinbänden, mit Bändchen und Schließen. Reclam hat ein Notizheft im Programm: „Sie zählen noch nicht zum illustren Kreis der Reclam-Autoren?“, fragte der Verlag in einer Programmvorschau. „Das können Sie jetzt ändern, denn jetzt gibt’s das Universal-Notizbuch: 128 Seiten, kariert, original UB-Papier, mit integriertem Bleistift im UB-gelben Schuber. 128 Seiten warten darauf, von Ihnen gefüllt zu werden – und machen Sie zum Autor Ihres eigenen Reclam-Heftes!“ Die Deutsche Nationalbibliothek wird ein solches Buch allerdings nicht erwerben. „Bücher mit unbedruckten Seiten (Vakatbücher, Blankbooks)“ gelten als „Nicht-Medienwerke im Sinne des Gesetzes“ und sind daher „nicht zu sammeln“, protokollieren, ein bisschen humorlos, die „Sammelrichtlinien“; das gelte „auch wenn bedruckter Umschlag, Titelblatt oder Impressum vorhanden sind“, und offenbar geht nicht einmal von einer ISBN eine Verpflichtung zum Sammeln aus.